Dienstag, 27. Dezember 2022

Die Verwaltung des Glaubens - in Stahl, Glas und Beton

Die evangelische Kirche hat 2022 ihre Dekanatsverwaltung in einem Neubau am Dietkircher Weg untergebracht. Nicht weit davon, in einem Teil der ehemaligen Mundipharma-Konzernzentrale, residieren das Bischöfliche Ordinariat und vor allem die Caritas. So weit, so gut, könnte man denken. Aber passen diese Immobilien zu Institutionen, die mit Fridays for Future sympathisieren, „die Politik“ und „die Wirtschaft“ gerne zur Nachhaltigkeit anhalten und von sich behaupten, die frohe Botschaft in der Welt verbreiten zu wollen?

Da sendet das evangelische Dekanat mit seinem zubetonierten Parkplatz sowie dem unsäglichen Stein“garten“ ein anderes Signal. Und auch der Glaspalast der Katholiken im Gewerbegebiet geht kaum als Glanzstück christlich inspirierter Architektur durch.

Unbeabsichtigt, aber dafür deutlich sprechen diese Standortentscheidungen eine klare Sprache: Hier wird in erster Linie verwaltet – im evangelischen Dekanat die Verkündung des Evangeliums, bei der Caritas die Sorge um den Nächsten. Die beiden Gebäude stehen für Autobahn- statt für Bahnhofsnähe, für Gewerbegebiet statt für Innenstadt, für Verödung statt für Belebung, für Akten statt für Gespräche, für Lebensferne statt für Mittendrin.

Kurz: Sie verkörpern administrative Effizienz statt Nähe zu den Menschen.

Möglicherweise passt aber gerade das zu den beiden Institutionen – denn sie sind längst Sozialkonzerne mit (immer kleiner werdender) angeschlossener Glaubensabteilung geworden. Montags bis freitags sitzen mittlerweile mehr Menschen in den Büros von Landeskirchen, bischöflichen Ordinariaten, Dekanaten, kirchlichen Stiftungen, Caritas, Diakonie & Co als sonntags in den Gotteshäusern. Angesichts dessen eine Reform an Haupt und Gliedern zu fordern, würde an der Realität vorbeigehen. Die großen Kirchen sind längst Häupter ohne Glieder geworden. Aber sie werden gut verwaltet.

Blick in die ehemalige Mundipharma-Konzernzentrale. Hier residiert jetzt die Caritas.

Das evangelische Dekanat am Dietkircher Weg.

 

Donnerstag, 8. Dezember 2022

IMMER HILFLOSER...

... erscheinen die Versuche von Stadtverwaltung und einem privaten Anbieter, den Limburgern „Glasfaser“ anzudrehen. Dazu drei Anmerkungen:
  1. Der Grundansatz ist fragwürdig. Möglicherweise braucht wirklich irgendwann eine Mehrzahl von Limburgern „Glasfaser“. Hierbei handelt es sich jedoch um ein Netzprodukt. Netzprodukte zeichnen sich dadurch aus, dass in der Regel nur ein Anbieter auftritt. Es wäre nämlich ökonomisch nicht sinnvoll, wenn das gleiche Netz mehrmals parallel „verlegt“ würde. Beispiele dafür sind die Wasserversorgung, das Kanalnetz, das Schienennetz, das Telefonnetz oder auch das Elektrizitätsnetz. Historisch betrachtet gab und gibt es zwei Arten, ein Netz aufzubauen. Erstens, der Staat macht es selbst. Zweitens, der Staat beauftragt einen privaten oder sonstigen Drittanbieter und gewährt diesem gegebenenfalls (zeitlich befristet) ein Monopol. Was es (zumindest in unseren Breiten) noch nicht gegeben hat: Dass beispielsweise eine Eisenbahnstrecke erst dann gebaut wird, wenn eine bestimmte Zahl von zukünftigen Nutzern eine Monatskarte für die noch nicht gebaute Strecke gekauft hat. Das wäre Irrsinn – aber genau das wird gerade im Hinblick auf „Glasfaser“ versucht. Und das ist ein Irrsinn.
  2. Wenn ein Geschäftsmodell nicht funktioniert, funktioniert es eben nicht. „Glasfaser“ löst Probleme, die die meisten Limburger ganz offensichtlich (noch?) nicht haben. So ähnlich war es mit Coca-Cola. Vor dessen Erfindung hatte niemand das Bedürfnis, sich eine klebrige, ungesunde schwarze Brühe in den Körper zu gießen. Coca-Cola hat es aber geschafft, ein Bedürfnis zuerst zu erzeugen und dann zu befriedigen. Die Kooperationspartner in Sachen „Glasfaser“ sind daran offenbar gescheitert. 
  3. Was Coca-Cola ganz sicher nicht gemacht hat: Die Bevölkerung einer Stadt über Monate und Jahre mit Mailings, Haustürbesuchen und hilflosen Appellen zu nerven. Das derzeitige „Glasfaser“-Desaster ist ein Lehrbuchbeispiel dafür, wie Marketing NICHT funktioniert. Es sollte ab sofort Standardprogramm in jeder BWL-Erstsemestervorlesung sein.

 

Donnerstag, 10. November 2022

Humor

Im Jahr 2018 hat die Stadtverwaltung entschieden, den Standort Innenstadt weitgehend aufzugeben und das Rathaus auf die Grüne Wiese (genauer: in den opulenten Stahl-Glas-Komplex der ehemaligen Mundipharma-Zentrale) zu verlagern. Damit haben der Magistrat und eine Mehrheit der Stadtverordneten zum einen den Geschäften und Cafes in der Innenstadt Kaufkraft entzogen; zum anderen aber auch – und das ist viel schlimmer – das Signal ausgesendet, dass die Limburger Innenstadt kein guter Ort für ihre Arbeit ist. Der CityRing hat dazu damals Beifall geklatscht.
 
Möglicherweise folgt Karstadt dem Beispiel der Stadtpolitik und verlässt die Limburger Innenstadt. Dagegen wenden sich nun ausgerechnet die Stadtverwaltung und der CityRing in einem offenen Brief. Sie tun so, als ob sie den Ast retten wollen, den sie selbst völlig ohne Not massiv angesägt haben.
 
Das muss man dann wohl mit Humor nehmen.
 

 

Samstag, 1. Oktober 2022

Limburg-Weilburg bekommt EINE Zeitung

Da kauft jemand die Titanic nach dem Zusammenstoß mit dem Eisberg, wechselt den Dirigenten der unverdrossen weiterspielenden Kapelle aus und kündigt an, das Ganze zu einem Flugtaxi weiterzuentwickeln. So liest sich der lokale Aufmacher heute in der NNP. Ein Geschwisterpaar übernimmt das Weilburger Tageblatte sowie die Nassauische Neue Presse und will daraus eine Zeitung für den Landkreis machen. Die beiden sind überzeugt, dass der Lokaljournalismus Zukunft hat und sie das Geschäftsmodell der derzeit noch zwei Print-Blätter erfolgreich in die Onlinewelt transferieren können. 
 
So weit, so bewundernswert. Es bleibt abzuwarten, ob bzw. wie das gelingen kann. Zu wünschen wäre es den mutigen Unternehmern – denn der designierte Chefredakteur des neuen Mediums hat Recht: Die Demokratie braucht in Form der Presse eine neutrale Instanz, die Informationen zusammenträgt, auswertet, beurteilt und der Öffentlichkeit zur Verfügung stellt. Das gilt nicht zuletzt für die lokale Ausprägung der Demokratie, die Kommunalpolitik. Deshalb ist es auch so schade, dass Lokale News HL-Journal demnächst einen neuen Weg einschlagen wird – aber das ist ein anderes Thema.
 
Jetzt sind wir alle gespannt, wie es weitergeht. Die knapp 20.000 Abonnenten von NNP und WT dürften mit einem Medianalter von ca. 70 Jahren gesegnet sein. Da hört die Musik also bald auf zu spielen. Kommerziell wirklich erfolgreichen Online-Lokaljournalismus gibt es bisher eher in Ansätzen und er kann auch bei uns im Nassauer Land nicht so einfach aus dem Boden gestampft werden.
 
NNP und WT waren aber seit Jahrzehnten nicht nur Lokalzeitungen. Der aus Frankfurt bzw. Wetzlar bereitgestellte „Mantel“ versorgte die Leser zudem mit überregionalen Neuigkeiten auf den Gebieten Politik, Kultur, Wirtschaft und Sport. Ob im Internetzeitalter diese Ansammlung von mehr oder weniger gut redigierten Agenturmeldungen (mehr war der Mantel meistens nicht) noch nötig ist, kann bezweifelt werden. Dass Russland weitere Teile der Ukraine annektiert hat, wussten die NNP-Leser am heutigen Samstagmorgen jedenfalls längst, als sie die Zeitung aus der Rolle geholt haben. Die Abtrennung der beiden hiesigen Lokalblätter von den Mutterhäusern dürfte jedenfalls für Bewegung sorgen, wenn es um die Beibehaltung, Veränderung oder Abschaffung des Mantels geht.
 
Limblog erlaubt sich, den neuen Nassauer Medienmogulen mitzuteilen, wie die optimale Lokalzeitung aussehen könnte: Sie wäre keine Print-Tageszeitung mehr, sondern ein Wochenendblatt, das die Leser samstags mit tiefgründigen Reportagen, Interviews und Analysen versorgt. Das eigentliche Nachrichtengeschäft fände nur noch online statt, mit Teasern in den sozialen Medien und Bezahlartikeln auf der Homepage. Die Kombi aus wöchentlichem Blatt und Onlinezugang gäbe es im Abo, einzelne Artikel im Netz aber auch als „pay per view“. Inhaltlich müsste es eine radikale Konzentration auf das Lokale geben.
 
Ob das aber journalistisch und kommerziell tragfähig wäre? Wenn nicht, dann haben Frau Kinne und Herr Bardi sicher ihre eigenen guten Ideen. Für deren erfolgreiche Umsetzung wünschen wir ihnen nur das Beste.
 
 
Der Nassauer Bote, Vorgänger der NNP,  in der guten alten Zeit

Mittwoch, 24. August 2022

Der Häuptling der Apatschen

Mittlerweile weiß es jeder – Ravensburger hat ein Winnetou-Buch aus dem Programm genommen. Seinen Akt der Selbstzensur begründet das Unternehmen so: das Werk zeichne ein klischeehaftes und vereinfachendes Bild der Ureinwohner Nordamerikas und blende das Leid der Opfer des Kolonialismus aus.
 
Diese Argumentation ist absurd, und zwar aus drei Gründen:
 
[1] Kinderbücher müssen immer „klischeehaft“ und „vereinfachend“ sein. Wer etwas Anderes behauptet, beweist damit, dass er über keinerlei Einfühlungsvermögen in das kindliche Denken verfügt. „Benjamin Blümchen“ kann keine Doktorarbeit über Elefanten sein, ein Was-ist-Was-Buch über Ritterburgen muss nicht die inhaltlichen Erwartungen eines Mediävisten erfüllen und das „Dschungelbuch“ stellt weder die Flora noch die Fauna des Urwalds korrekt dar.

[2] Gerade die Winnetou-Bücher sind ein Manifest der Offenheit gegenüber anderen Kulturen. Sie wecken das Interesse für die Lebensverhältnisse der Indianer und prangern deren Verdrängung durch „die Weißen“ an. Karl May stellt – in der Sprache und mit den Metaphern des späten 19. Jahrhunderts – klar, dass es Gut und Böse überall gibt, unabhängig von der Hauptfarbe, der Religion oder der sozialen Stellung.
 
[3] Jede (künstlerische) Betrachtung der Welt muss "klischeehaft" und "vereinfachend" sein, weil es unmöglich ist, die komplette Realität immer vollständig darzustellen. Kein Film, kein Roman, kein Bild kann auf alle Aspekte eines Sachverhaltes eingehen. Beethovens „Ode an die Freude“ ist eine Ode an die Freude – und damit klischeehaft und vereinfachend, denn sie blendet das Leid der Traurigen und Trauernden aus. „Bibi Blocksberg“ verschweigt die Hexenverbrennungen, eine Mafia-Komödie wie „Reine Nervensache“ geht nicht auf das Leid der Opfer des organisierten Verbrechens ein und jeder Pop-Song über die Liebe ist ein Schlag in das Gesicht derjenigen, die noch keinen Partner fürs Leben gefunden haben.
 
Wenn man die Ravensburger-„Argumente“ konsequent weiterdenkt, wird klar: ohne Klischees und Vereinfachungen ist keine Kunst und kein kreatives Denken mehr möglich. Vielleicht wollen die „woken“ Ideologen genau das erreichen.

Freitag, 1. April 2022

Dr. Hahn jetzt "Bürger:innenmeister:in"

Dr. Marius Hahn, seit 2015 Limburger Stadtoberhaupt, wird künftig nicht mehr als „Bürgermeister“, sondern als „Bürger:innenmeister:in“ firmieren. Das ist nach Ansicht des Magistrates die dringend notwendige Reaktion auf ein Gutachten, welches die Stadtverordnetenversammlung im vergangenen Jahr für 35.000 Euro in Auftrag gegeben hat.

Die Vorgabe an die Gutachter war, Äußerungen und Schriftstücke des Rathauses systematisch auf diskriminierende Inhalte zu untersuchen. 
 
Erstellt hat die Studie der Marburger Soziologie-Professor Andrea Pannetone-Colucci. Er vertritt an der Philipps-Universität das Lehr- und Forschungsgebiet „Dekonstruktion spätmoderner Geschlechterkommunikationen“. Die Liste der von ihm und seinen Mitarbeitern erstellten Liste aller sprachlichen Verfehlungen der Verwaltung ist 83 Seiten lang. Dabei sei die Amtsbezeichnung „Bürgermeister“ nur die Spitze eines gigantischen Eisberges, so die Marburger Wissenschaftler. Aber gerade dieser Begriff könne als Beispiel dafür dienen, wie patriarchalisch-binäre Sprachaneignung strukturell-repressive Implikationen haben könne.
 
Nach diesem ersten Schritt in Richtung einer gewaltfreien Verwaltungskommunikation sind nun alle Blicke auf Michael Stanke gerichtet, der sich – wie alle seine Vorgänger – nach wie vor als „Erster Stadtrat“ bezeichnen lässt und auch selbst bezeichnet.
 
Bild&Text: Stadtverwaltung
 
 

Foto- und Genbeweis: Wölfin am Greifenberg

Die Gerüchteküche hat seit dem vergangenen Wochenende heftig gebrodelt: Ist im Bereich von Greifenberg, Hammerberg, Kasselbachtal und Eppenau ein Wolf unterwegs.

Hinweise in dieser Richtung hatte es einige gegeben. Bürger aus dem Wohngebiet Meilenstein, genauer: zwei Kinder (8 und 11 Jahre alt), erzählten am Sonntagmorgen, in der Nacht Wolfsgeheul „wie aus einem Film“ gehört zu haben – was ihre Mutter der kindlichen Phantasie zuschrieb. Der Inhaber der Jagdpacht am Greifenberg fand am Montag Kot, den er als mutmaßlichen Wolfskot identifizierte und an das Wolfszentrum der Landesregierung schickte. Am Mittwochmorgen schließlich machte ein Anwohner des Tal Josaphates eine grausige Entdeckung: zwei der fünf Heidschnucken, die er auf seinem weitläufigen Grundstück als Rasenmäher und Landschaftspfleger hält, waren gerissen worden.
Spätestens das motivierte die Spezialisten aus dem Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG), aktiv zu werden. Sie installierten Wildkameras und veranlassten eine Laboruntersuchung des mutmaßlichen Wolfskots.
 
Beide Maßnahmen brachten ein klares Ergebnis zutage: Zwischen Greifenberg und Linterer Wäldchen ist mindestens seit knapp einer Woche ein Wolf – genauer: eine Wölfin – aktiv. Das Tier ist zwischen fünf und sieben Jahren alt und entstammt (das ergab die Genanalyse des Kots) einem Rudel aus dem nordhessischen Nationalpark Kellerwald. Wie die Wölfin von dort nach Limburg gelangen konnte, ist ein Rätsel. All das gab das HLNUG gestern am Abend bekannt.
 
Die Wolfsexperten raten dringend davon ab, in den späten Abend- und frühen Morgenstunden zu Fuß zwischen Lahn, Autobahn, Linterer Wäldchen und Wiesbadener Straße unterwegs zu sein. Hunde sollten immer an der Leine bleiben und nicht nach Anbruch der Dunkelheit ausgeführt werden. Den Anwohnern des Eschhöfer Wegs, des Tal Josaphates, des Meilensteins und der Frankfurter Straße (mit Gärten Richtung Kasselbach) wird dringend empfohlen, sich nur in Ausnahmefällen im Freien aufzuhalten. Der Spielplatz Tal Josaphat ist gesperrt, der Waldkindergarten „Die Eichhörnchen“ in der Eppenau wird vorerst geschlossen. Die Eltern sind gebeten, ihre Kinder in das MüZe in der Hospitalstraße bringen.
 
Die Landtagsabgeordnete Marion Schardt-Sauer (FDP) sowie der Kreisbauernverband und der Verband der Nutztierhalter fordern unterdessen den sofortigen Abschuss des Tieres. Ob bzw. wann es dazu kommt, ist noch offen. Das HLNUG will heute im Laufe des Tages mit einem „Wolfsmanagement-Plan“ für Limburg an die Öffentlichkeit treten.
 
Foto: HLNUG
Foto: HLNUG