Heute ein zeitgeschichtlicher Beitrag, genauer ein Beitrag zur regionalen Pressegeschichte. Vergangene Woche habe ich dem Stadtarchiv Limburg eine Sammlung fast aller Ausgaben des Jugendmagazins „UnSZENsieErt“ übergeben. Ich war allerdings nur der Überbringer des Schatzes, der edle Spender heißt Dirk Fredl. Er war auch damals ständiger Mitarbeiter und hat viele Artikel zu dem Blatt beigesteuert.
UnSZENsieErt erschien in der abgebildeten Form (nämlich in einem Magazin-Format) von Mai 1991 bis Juli 1995 monatlich. In der Sammlung, um die es hier geht, fehlen die erste Ausgabe sowie die Ausgaben Juli 1994 und Oktober 1994. Wer hier überzählige Exemplare hat, kann diese Lücken gerne füllen helfen, indem er sie dem Stadtarchiv übergibt. Nach der Magazin-Phase gab es noch einige Zeit lang Ausgaben auf klassischem Zeitungspapier. Ein Heft kostete zunächst 1,20 DM, dann ab 1993 2,00 DM. Initiatoren und Verantwortliche der ersten Stunde waren Andreas Nattermann und Frank Freiberger (der auch als Gründungs-Chefredakteur fungierte). Später übernahm Udo Zöllner als „Verleger und Herausgeber“ eine führende Rolle.
UnSZENsieErt war ein Graswurzelprojekt, das eine Lücke in der Presselandschaft füllen sollte: Man wollte Jugendlichen und jungen Erwachsenen und ihren Anliegen ein Forum bieten. Der Schwerpunkt lag folglich auf „jungen Themen“, insbesondere solchen mit (im weiteren Sinne) Kulturbezug. Entsprechend gab es in jeder Ausgabe Kinotipps, einen umfangreichen Überblick über lokale und regionale kulturelle Veranstaltungen, Kurzgeschichten, Straßenumfragen (z.B. „Sollen Frauen sich schminken?“) und Testberichte (McDonald’s in Heiligenroth, Eiscafés, Schwimmbäder, Grillhütten, DJs etc.).
UnSZENsieErt war aber deutlich mehr als nur ein jugendzentriertes Infoblättchen. Das Magazin hatte erkennbar einen journalistischen Anspruch, und zwar einen hohen. Dabei muss man etwas darüber hinwegsehen, dass die Redaktion die Bedeutung des Satzes „Sex sells“ sehr gut verstanden hatte. Kaum ein Heft kommt ohne Schlagzeilen wie „Lüstlinge im Krankenhaus: die Krankenschwester als Sexobjekt“, „Die Lust an der Strippe: Telefonsex erobert die Provinz“ oder „Interview: Callboy in Limburg“ aus.
Hinter der oft reißerischen Fassade stecken aber fast immer gut recherchierte, ordentliche formulierte und recht ausgewogene Texte, die auch schwierige Themen nicht scheuen: sexueller Missbrauch von Kindern, Essstörungen, Abtreibung, Umgang mit körperlich oder geistig Behinderten, Medienkonsum von Kindern und Jugendlichen – die Liste ließe sich fortsetzen.
Über manche Fragen ist die Zeit hinweggegangen („Ist mein Sohn schwul?“, „Ist Heiraten noch zeitgemäß?“), manchmal hätte man sich im Rückblick aber eine etwas restriktivere Herangehensweise gewünscht, zum Beispiel wenn die weltbewegende Frage „Wer hat den schönsten Po“ (Leser konnten Bilder einsenden) mit dem Foto eines etwa zweijährigen nackten Kindes bebildert wird. Auch würde man heute (zu Recht) 15-, 14- und sogar 13-jährigen Mädchen keine privaten bis intimen Fragen mehr stellen und die Antworten dann mit den Fotos und Namen der Interviewten abdrucken.
In die Niederungen der (Kommunal-)Politik bewegte sich das Blatt eher selten – und sprach dabei unter anderem Probleme an, die bis heute aktuell sind, zum Beispiel: „Zukunft der Limburger Innenstadt: vertreiben die hohen Parkgebühren die Kunden?“
Manchmal muss man schmunzeln, zum Beispiel wenn man folgende Schlagzeile liest: „Rollenspiele - der neue Trend: Mentales Abenteuer oder gefährliches Vergnügen?“ Auch die Techniktipps (3,5 vs. 5,25 Zoll-Disketten, 9-Nadel-Drucker) lassen einen innerlich grinsen. Und last but not least lässt UnSZENsieErt Erinnerungen wach werden – an Kneipen, die es (so) nicht mehr gibt (Wicküler, Kanapee, Railys, Kneipendorf in den City-Arkaden mit dem Murphy’s und der Berliner Kneipe), sowie an legendäre Diskotheken (Easy, Anyway, Why Not, Pearls) sowie ihr trauriges Ende (Extra in Koblenz).

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