Samstag, 18. Januar 2020

Das Sterne-Gerücht

Es ist ein Gerücht, das seit Jahren, wenn nicht seit Jahrzehnten, im Umlauf ist: Nach dem Besuch des Sternerestaurants erhalten die Gäste auf der Rückseite der Rechnung oder der beigefügten Visitenkarte des Hauses die handschriftliche Mitteilung: „Vielen Dank für Ihren Besuch! Bitte beehren Sie uns nicht wieder.“ Angeblich will der Sternekoch so inadäquates Benehmen der Besucher sanktionieren, etwas das Probieren vom Teller des Tischnachbarn, lautes Lachen oder zu viel Leutseligkeit dem Personal oder anderen Gästen gegenüber. 

Dieses Gerücht hat spätestens Ende des letzten Jahres auch Limburg erreicht. Unser Stern am Essenshimmel befindet sich dabei in guter Gesellschaft, denn das Gerücht geht an wohl keinem Haus der gehobenen Gastronomie vorbei. Die Fernsehköche Johann Lafers und Alfons Schuhbeck sollen sogar vierstellige Belohnungen für den Fall ausgesetzt haben, dass ihnen jemand eine der ominösen handschriftlichen Mitteilungen vorlegt. Sie mussten bisher keinen Cent bezahlen.

Montag, 6. Januar 2020

Die heiligen drei Könige und ihre Botschaft

Die heiligen drei Könige kamen, geführt von einem Stern, aus dem Morgenland, um dem Sohn Gottes zu huldigen und ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe als Geschenk zu bringen. Das weiß (fast) jedes Kind. Aber ist es auch wahr? Was steht wirklich in der Bibel, wie viel haben die Menschen später hinzugedichtet und worin besteht der historische Kern der Geschichte? Dr. Bernold Feuerstein aus Villmar lieferte gestern Nachmittag erhellende Antworten auf diese Fragen.

„Bildbetrachtung ‚Die heiligen drei Könige in Musik und Kunst‘“ hieß seine Veranstaltung, die in der Limburger Annakirche stattfand und erfreulicherweise außerordentlich gut besucht war. Feuerstein führte durch die rund 1800-jährige Geschichte der künstlerischen Beschäftigung mit den drei orientalischen Besuchern und beteiligte sich als Kantor zudem an der musikalischen Umrahmung der „Bildbetrachtung“, zu der auch das gemeinsame Singen von Dreikönigsliedern gehörte – an der Orgel gekonnt begleitet von Leonhard Höhler.

Der Organisator und Referent ging im Rahmen seines Vortrags auf eine Fülle (kunst)historischer, kirchengeschichtlicher und exegetischer Details ein, wurde dabei aber nicht müde, auf die alles überragende theologische Botschaft der Erzählung von den drei exotischen Besuchern hinzuweisen: Gott ist im Stall von Bethlehem als kleines Kind den Menschen erschienen, und selbst weise Sterndeuter aus einem fernen Land sind vor ihm auf die Knie gefallen.



Die Veranstaltung in der Annakirche war sehr gut besucht.


Die einschlägige Bibelstelle: Mt 2, 1-12


Wir beginnen unsere Darstellung der wesentlichen Erkenntnisse des gestrigen Nachmittags mit einem Verweis auf die einschlägige Bibelstelle (Matthäus, Kapitel 2, Vers 1 bis 12):

1 Als Jesus zur Zeit des Königs Herodes in Betlehem in Judäa geboren worden war, siehe, da kamen Sterndeuter aus dem Osten nach Jerusalem 2 und fragten: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen. 3 Als König Herodes das hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem. 4 Er ließ alle Hohepriester und Schriftgelehrten des Volkes zusammenkommen und erkundigte sich bei ihnen, wo der Christus geboren werden solle. 5 Sie antworteten ihm: in Betlehem in Judäa; denn so steht es geschrieben bei dem Propheten: 6 Du, Betlehem im Gebiet von Juda, bist keineswegs die unbedeutendste unter den führenden Städten von Juda; denn aus dir wird ein Fürst hervorgehen, der Hirt meines Volkes Israel. 7 Danach rief Herodes die Sterndeuter heimlich zu sich und ließ sich von ihnen genau sagen, wann der Stern erschienen war. 8 Dann schickte er sie nach Betlehem und sagte: Geht und forscht sorgfältig nach dem Kind; und wenn ihr es gefunden habt, berichtet mir, damit auch ich hingehe und ihm huldige! 9 Nach diesen Worten des Königs machten sie sich auf den Weg. Und siehe, der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, zog vor ihnen her bis zu dem Ort, wo das Kind war; dort blieb er stehen. 10 Als sie den Stern sahen, wurden sie von sehr großer Freude erfüllt. 11 Sie gingen in das Haus und sahen das Kind und Maria, seine Mutter; da fielen sie nieder und huldigten ihm. Dann holten sie ihre Schätze hervor und brachten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe als Gaben dar. 12 Weil ihnen aber im Traum geboten wurde, nicht zu Herodes zurückzukehren, zogen sie auf einem anderen Weg heim in ihr Land.

Ganz knapp zusammengefasst schreibt Matthäus somit nur, dass „Sterndeuter aus dem Osten“ einem Stern folgend nach Bethlehem zogen, dort Maria sowie Jesus fanden, vor ihm niederfielen und ihre Geschenke Gold, Weihrauch und Myrrhe darboten. Wie sich dies und vieles andere zu dem uns heute geläufigen Gesamtbild entwickelt hat, das herauszuarbeiten war der Sinn der „Bildbetrachtung“ unter Feuersteins Anleitung.


Caspar, Melchior und Balthasar


Sie (die Bildbetrachtung) begann mit Katakomben-Fresken aus dem frühen dritten Jahrhundert und ein bis zwei Jahrhunderte jüngeren Malereien in der römischen Basilika Santa Maria Maggiore. Die erste Erkenntnis: drei Sterndeuter waren es anfangs nicht unbedingt; erst im frühen Mittelalter setzte sich die Zahl Drei durch (die im Matthäus-Evangelium nicht auftaucht), möglicherweise abgeleitet aus den drei Gaben Gold, Weihrauch und Myrrhe. Der englische Universalgelehrte Beda Venerabilis führte dann die Interpretation ein, die drei Weisen repräsentierten die drei damals bekannten Erdteile Afrika, Asien und Europa. Ab dann standen sie zudem durch die gesamte Kunstgeschichte hindurch für die drei Lebensalter Alt, Mittelalt und Jung – und werden auch so dargestellt. Man sieht also sehr oft einen Greis, einen Jüngling und einen, der altersmäßig irgendwo dazwischen anzusiedeln ist. Auch ihre Namen Caspar, Melchior und Balthasar haben sie erst nach 500 bekommen – wie und warum genau, ist unklar. 


Von Sterndeutern zu Königen, von denen einer dunkelhäutig ist


Im griechischen Original bei Matthäus heißen die Sterndeuter „magoi“ (latinisiert zu magii), was eben Sterndeuter oder persische Priester sein können. In jedem Fall bezeichnet der Evangelist sie nicht als „Könige“ und erst der berühmte Egbert-Kodex aus dem zehnten Jahrhundert stellt sie zum ersten Mal mit Kronen dar. Möglicherweise bezieht sich diese Darstellung auf prophetische Texte des Alten Testaments, die voraussagen, dass Könige zu dem Messias ziehen und vor ihm auf die Knie fallen werden. Auch der „Mohrenkönig“, also der Dunkelhäutige unter den dreien, ist eine „Erfindung“ des Mittelalters, die auf die Idee verweist, dass die Sterndeuter/Könige für die drei Erdteile stehen. Als sicher angenommen werden kann jedoch, dass die geheimnisvollen Orientalen sich mit Astrologie bzw. Astronomie (damals waren die Grenzen fließend) auskannten – was uns zu dem Stern bringt, dem sie angeblich gefolgt sind.


Der Stern: Supernova, Komet oder besondere Planetenkonstellation?


Dass der promovierte und habilitierte Physiker Feuerstein dem Stern besondere Aufmerksamkeit widmete, ist nicht verwunderlich. Er machte dabei deutlich, wie sehr das Denken und der Erfahrungsschatz der jeweiligen Zeit die Versuche der Menschen prägte, die Bethlehemer Ereignisse zu deuten und einzuordnen. Je nach Kenntnisstand der Astronomie betrachtete man den Stern als Supernova, Kometen (insbesondere nach der erstmaligen Beobachtung des Halleyschen Kometen) oder eine besondere Planetenkonstellation. Der Abgleich mit zeitgenössischen Quellen lässt wohl insbesondere die besondere Planetenkonstellation in Frage kommen. Eine solche hat es sumerischen Keilschrifttafeln zufolge im Jahr 6 v. Chr. gegeben.


Die Tradition des „Sternsingens“


Für Überraschung bei so manchem Besucher dürfte gesorgt haben, dass es die noch heute gepflegte Tradition des Sternsingens bereit seit dem 16./17. Jahrhundert gibt. Und das „C M B“ damals in der Tat für Caspar, Melchior und Balthasar stand. Die heutige etwas schlaumeierische Interpretation der drei Buchstaben als Abkürzung für den lateinischen Segensspruch „Christus mansionem benedicat – Christus segne dieses Haus“ kannte man damals offenbar noch nicht.


Epiphanias: Hochfest der Erscheinung des Herrn


Bernold Feuerstein zeigte mit seiner „Bildbetrachtung“, wie interessant und lehrreich es sein kann, sich mit dem naturwissenschaftlichen und historischen Kern einer Heiligenlegende wie derjenigen von den drei Königen sowie deren Bearbeitung in der bildenden Kunst zu beschäftigen. Dabei dürfe aber nicht die eigentliche Botschaft der „Heiligen Drei Könige“ in den Hintergrund geraten: Gott ist den Menschen erschienen. Entsprechend feiern die Christen heute Epiphanias, das Hochfest der Erscheinung des Herrn.


Diese zeitgenössischen Krippenfiguren bilden ab, was sich über Jahrhunderte entwickelt hat: drei Könige, davon einer dunkelhäutig, einer alt (weißer Bart) einer jung (der "Mohr"), einer mittelalt

Sonntag, 5. Januar 2020

Silke Seif: Bald Abgeordnete der Hamburger Bürgerschaft?

Silke Seif, wie ein bunter Hund bekanntes Kind Blumenrods, macht derzeit im fernen Hamburg von sich reden - steht sie doch kurz davor, in das dortige Landesparlament, die Bürgerschaft, einzuziehen. Nach allem, was man vor dem Hintergrund des Hamburger Wahlsystems abschätzen kann, wird ihr dies aufgrund ihrer guten Listenplatzierung auch gelingen. Am 23. Februar wissen wir mehr: Dann findet die Bürgerschaftswahl statt.

Silke Seif wurde 1972 geboren, besuchte die Goetheschule und begann ihre berufliche Tätigkeit im Einzelhandel. Sie engagierte sich schon früh in der hiesigen Kommunalpolitik und wurde Kreisvorsitzende der Jungen Union sowie Mitglied des Kreistages. Diese Tätigkeiten musste die verheiratete Mutter einer Tochter und eines Sohnes beenden, als sie 2004 nach Hamburg zog.

In der Hansestadt engagierte Silke Seif sich als Elternvertreterin in den Kindergärten und Schulen, die ihre Kinder besuchten, und in der CDU. Bereits 2008 wurde sie Mitglied der Bezirksversammlung (etwa mit unserem Kreistag vergleichbar). Sie ist Fraktionssprecherin im Regionalausschuss Lokstedt – Niendorf – Schnelsen, Fachsprecherin im Ausschuss Sozialraum der Bezirksversammlung sowie Mitglied im CDU-Bundesfachausschuss „Gesellschaftlicher Zusammenhalt“.

Beruflich arbeitet Seif als Geschäftsführerin eines gemeinnützigen Unternehmens, das sich der Inklusion von Behinderten verschrieben hat. Das wird sie auch weiterhin tun (müssen), denn die Hamburgische Bürgerschaft ist, anders als etwa der Hessische Landtag, ein "Feierabendparlament".


Dienstag, 17. Dezember 2019

Haushaltsdebatte: Bürgermeister Hahn unter Beschuss

Die Haushaltsdebatte im Stadtparlament vom Montagabend hat ein eindeutiges Ergebnis: der städtische Haushalt für das Jahr 2020 wurde mit großer Mehrheit verabschiedet. Gleichzeitig waren sich die meisten Redner einig, dass Limburg hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt. Verantwortlich dafür ist nach allgemeiner Ansicht die Rathausspitze, also der Bürgermeister.

Hier die Kurzzusammenfassung der Reden der fünf Fraktionsvorsitzenden nach absteigender Reihenfolge ihrer Fähigkeit, sich kurz zu fassen:

[1] Kai-Hagen Maiwald (SOEFL, 4 Minuten Rededauer) sieht Limburg und die Limburger vor zahlreiche Probleme gestellt, darunter die Kriminalitätsrate, das Fehler von Wohnungen für Singles, die Verkehrsprobleme sowie den verbreiteten E-Mobilitätsfetischismus. Für zukünftige Flüchtlingskrisen regte er an, Flüchtlinge am Rosenhang unterzubringen. Dort lebten viele Akademiker und Lehrer, denen die Integration der Neuankömmlinge sicher leichtfallen werde. Ähnliches spreche auch für den Bau von Wohnungen für Einkommensschwache am Rosenhang.

[2] Dr. Sebastian Schaub (Grüne, 18 min) vermisst in Limburg vor allen Dingen Achtsamkeit, Zum Beispiel gegenüber Bäumen und in Sachen Sauberkeit der Luft. Hier setzten die Verantwortlichen in Limburg falsche und fatale Schwerpunkte. Mehr Achtsamkeit wünscht er sich aber auch gegenüber der historischen Bausubstanz (Stahl-Glas-Steg an der Alten Lahnbrücke, Touristenempfangszentrum am Dom) sowie in puncto Qualität der Vorlagen der Stadtverwaltung. Diese seien oft lückenhaft und erlaubten den Stadtverordneten keine sachgerechte Entscheidungsfindung.

[3] Peter Rompf (SPD, 19 min) zog als einziger eine einigermaßen positive Bilanz der Stadtpolitik – was daran liegen könnte, dass er und Bürgermeister Dr. Marius Hahn in derselben Partei sind. Der Sozialdemokrat blickt auf ein gutes Jahr für Limburg zurück und warnt davor, die Stadt ständig schlechter zu reden als sie in Wirklichkeit sei. Er nannte unter anderem den Masterplan Mobilität, die Kinderbetreuung, die Feuerwehr, die Unternehmensansiedlungen sowie die solide Haushaltsführung (sinkender Schuldenstand) als Belege für seine Auffassung. Für die Zukunft wünscht sich die SPD nicht zuletzt eine Neugestaltung des Bischofsplatz – die dortigen Bäume sollen aber ausdrücklich stehen bleiben.

[4] Marion Schardt-Sauer (FDP, 20 min) ließ kein gutes Haar an Bürgermeister Dr. Marius Hahn und seiner Arbeit im vergangenen Jahr. „Limburg kann mehr“ war das Motto ihrer Rede. Dass Limburg nach liberaler Auffassung mehr kann, belegte die FDP-Fraktionsvorsitzende mit Verweisen auf zahlreiche Politikfelder, auf denen die Stadt hinter ihren Möglichkeiten zurückbleibe, darunter das Stadt- und Standortmarketing, das Management der städtischen Liegenschaften sowie den Rathausumzug.

[5] Dr. Christopher Dietz (CDU, 25 min) hielt die längste, aber auch durchdachteste und tiefgründigste Rede – und das noch dazu auf hohem rhetorischen Niveau. Mit Verweis auf diverse CDU-Vorschläge, die im neuen Haushalt enthalten seien (u.a. Einrichtung eines Kinder- und Jugendparlamentes, Rettung des Sauerborn in Hollese) begründete er die Zustimmung der Christdemokraten zum Haushalt, der anschließend folglich auch mit den Stimmen von CDU und SPD beschlossen wurde (alle anderen waren dagegen). Das hinderte ihn jedoch nicht daran, mehr oder weniger subtile Kritik an Bürgermeister Dr. Hahn und dessen Amtsführung zu üben. Dietz verglich Limburg mit einem Schiff, bei dem man nicht wissen, ob es einen Kapitän habe und – falls ja – ob dieser am Steuerrad stehe und – falls ja – ob er überhaupt den Kurs kenne bzw. einen habe. Auch FDP und Grüne bekamen ihr Fett weg. Ihnen warf er (mit Recht, wie die Fakten zeigen) vor, in Sachen Neumarkt-Platanen das Fähnchen nach dem Wind zu hängen, Die FDP sei jahrelange mit einem Konzept für den Neumarkt unterwegs gewesen, das überhaupt keine Bepflanzung des Platzes vorsah, und die Grünen hätten sich ebenfalls eine Entfernung der Platanen vorstellen können. Von diesen Plänen seien sie erst abgerückt, als Gegenwind einiger Bürger zu verspüren gewesen sei.

Fazit: Limburg wird auch 2020 einen soliden Haushalt haben, und die Enttäuschung über Bürgermeister Hahn wird immer größer, auch unter einstigen Unterstützern wie der FDP-Fraktionsvorsitzenden.

Dienstag, 29. Oktober 2019

Hat der Limburger Einzelhandel eine Zukunft? (Teil 2)

Ein Limblog-Posting über den gescheiterten Versuch, in der Limburger Innenstadt Geld auszugeben, sorgt seit Mittwochabend für Furore, sowohl digital als auch analog. Es handelte von dem Ansinnen, eine weiße Kinderleggings zu kaufen, welches in zwei Geschäften abschlägig beschieden wurde. Das Argument: Das sei ein "Frühjahrsprodukt", welches man "derzeit nirgendwo" kaufen könne. Amazon lieferte dieses derzeit angeblich nicht existierende Produkt dann mit ca. siebzehn Stunden Lieferzeit an die Haustür. Das Posting endete (zugegebenermaßen sehr zugespitzt) mit: "Das Ende des stationären Einzelhandels ist nah. Und es ist verdient."

Darauf gab es viel Zustimmung, aber auch Kritik. Die Kritik hatte vier Stoßrichtungen, die sich jeweils in einem Zitat zusammenfassen lassen:


1. "Man muss nicht überall sofort die gesamte Produktpalette kaufen können."


Das stimmt, muss man nicht. Kann man aber. Bei Amazon nämlich.
Dieser Strang der Kritik erinnert ein wenig an das Aufkommen der Supermärkte in der 1970er Jahren. Damals hieß es: "Man muss nicht zehn verschiedene Sorten Joghurt und das ganze Jahr über eingelegte Oliven kaufen." Als man es aber konnte, nämlich bei Massa, P&Q und Form, hatten die alteingessenen familiengeführten Lebensmittelgeschäfte (Hermanns im Galmerviertel, Schnells in der Weststadt, Wingenroths in der Brückenvorstadt etc.) früher oder später ein Problem. Keinen der Letztgenannten gibt es heute noch.


2. "Wer im Internet bestellt, muss sich nicht wundern, wenn die Innenstädte aussterben."


Das stimmt. Solidaritätsappelle, wie sie ständig im Internet kursieren ("Buy local!"), helfen aber ebensowenig weiter wie Durchhalteparolen. Langfristig hilft nur Leistung, die den Kunden überzeugt. Und um ein unter manchen Geschäftsleuten verbreitetes Missverständnis aufzuklären: Welche Leistung den Kunden überzeugt, entscheidet der Kunde, nicht der Händler. Bleibt diese Leistung auf breiter Front aus, werden die Innenstädte aussterben - so wie die Tante-Emma-Läden ausgestorben sind (siehe oben).


3. "Gerade wir kleinen inhabergeführten Geschäfte sind doch stets bemüht, Dinge für die Kunden nachzubestellen."


Das stimmt. Nur reicht dieses Bemühen im Jahr 2019 nach Christus und im Jahr 25 nach Bezos einfach nicht mehr aus. "Stets bemüht" ist eine Killerphrase in jedem Arbeitszeugnis. Was da stattdessen stehen muss: "Bediente die Kunden stets zu deren vollsten Zufriedenheit." Ist dies nicht der Fall, trennt man sich voneinander. Das gilt für das Arbeitsleben, und es gilt ebenso für die Beziehung zwischen Händler und Kunden. 


4. "Stationäre Enzelhändler können es einfach nicht leisten,  die gesamte Amazon-Produktpalette vorzuhalten."


Das stimmt. Erwartet auch niemand von ihnen. Was man aber erwarten kann, ist eine zügige Bestellung aller gewünschten (Standard-)Produkte. Zügig heißt schneller als sechs Wochen (erlebt bei einem Spielwarenhändler in der Werkstadt), schneller als drei Wochen (Elektrohändler in Elz) und schneller als eine Woche (Schuhhändler in der Altstadt).

Hier kehren wir zum Ausgangspunkt der Debatte zurück: Zwei Textileinzelhändler konnten Limblog ein absolutes Standardprodukt nicht nur nicht anbieten, sondern machten auch keinerlei Anstalten, es bis zum nächsten Tag zu bestellen. Da stellt sich die Frage: Warum kann der im Laden stehende Laie mit seinem Handy mehr als der Experte hinter der Ladentheke mit seinem Kassensystem - nämlich das Produkt mit drei Knopfdrücken bestellen?

Die Antwort ist ernüchternd: Offenbar benachteiligen die Hersteller "ihre" stationären Einzelhändler systematisch zugunsten von Amazon und der Endkunden. Die Hersteller bieten den Endkunden und Amazon Konditionen, die sie den stationären Händlern nicht bieten. Das muss sich ändern. Alle Händler müssen das können, was die Buchhändler schon seit Jahrzehnten können: Das gewünschte Produkt bis zum nächsten Tag bestellen.


Fazit:


Möglicherweise war es früher einmal ein funktionierendes Geschäftsmodell, "Saisonware" ins Regal zu legen und dann  "abzuverkaufen". Damals haben die Einzelhändler entschieden, was die Kunden gefälligst kaufen wollen sollen. Diese Zeiten sind seit mindestens zwanzig Jahren vorbei.

Einzelhändler, die sich dieser Einsicht verweigern, werden von der Bildfläche verschwinden. Da hilft kein Jammern und kein Moralisieren gegen diejenigen, die diesen Umstand offenlegen. Erfolg bzw. Misserfolg im Geschäftsleben ist nämlich keine moralische Kategorie, sondern die jeweils zu akzeptierende Realität. Es wird Zeit, sich ihr zu stellen.


Als die Läden noch so aussahen, gab es noch keine Probleme mit Amazon&Co.

Montag, 28. Oktober 2019

Esau, Jakob und die Linsensuppe

Alle zwei Jahre studiert die Mädchenkantorei der Dommusik Limburg​ ein Musical ein - und alle zwei Jahre kann das Ergebnis nur begeistern. Gestern und vorgestern war es wieder so weit: "Zwischen Linsengericht und Himmelsleiter", ein Musical von Klaus und Max Wallrath (Musik) und Roland Klein (Text), war am Samstag und Sonntag in der jeweils vollen Aula der Marienschule zu sehen.

Dass Stück behandelt die biblische Geschichte von den Zwillingsbrüdern Esau und Jakob, die sich über das Erstgeburtsrecht und den väterlichen Segen zerstreiten. Beides steht eigentlich Esau, dem wenige Minuten vor seinem Bruder geborenen, zu, doch der verkauft das Erstgeburtsrecht an seinen intriganten Bruder Jakob gegen das sprichwörtliche Linsengericht. Jakob gelingt es dann auch noch, den väterlichen Segen von dem blinden Vater Isaak zu erschwindeln - woruafhin er seine Heimat erstmal verlassen muss. Als er nach langer Zeit mit seinen Frauen und zwölf Söhnen zurückkehrt, gibt es ein Happy End - dem intriganten Sohn wird verziehen, er wird wieder in die Familie aufgenommen.

Dass es sich bei den gut 30 jungen Schauspielerinnen ausnahmslos um Grundschulkinder handelte, konnte man vielleicht an der Körpergröße, nicht aber an den Darbietungen erkennen. Die Solisten überzeugten nicht nur mit ihrem Gesang, sondern auch in ihren Sprechrollen (der Vortrag war jeweils außerordentlich gekonnt), und auch Körpersprache und Mimik wussten die kleinen Akteure gekonnt einzusetzen.

Während die Dritt- und Viertklässler die Hauptrollen übernahmen, bildeten "die Kleinen" aus der ersten und zweiten Grundschulklasse den Chor. Es war eine gute Idee von Domchordirektorin Judith Kunz​ und ihrem Team, immer zwei der jüngeren gemeinsam jeweils eine Strophe der Chorlieder singen zu lassen. Das lockerte das Stück auf und ermöglichte den Sängerinnen, im relativ geschützten Raum des Duetts begrenzt auf eine Strophe wertvolle Bühnenerfahrung zu sammeln.

Es versteht sich von selbst, dass hinter den Sängerinnen und Judith Kunz ein engagiertes Team steht. Nicht nur war das eigentliche Musical auf die Bühne zu bringen; das Bühnenbild musste auch gestaltet werden, und die Schauspielerinnen waren einzukleiden und zu schminken. Und dass ein solches Großprojekt nicht ohne viel administrative Vorarbeit auskommt, ist ebenfalls selbstverständlich.

Zum Gelingen des Unternehmens leistete nicht zuletzt auch die professionelle Band und die Tontechnik ihren Beitrag. Die Lichttechnik kam von der Technik-AG der Marienschule - und war wie alles andere perfekt.


 

Sonntag, 27. Oktober 2019

Hat der Limburger Einzelhandel eine Zukunft? (Teil 1)

Limblog ist ein treuer Kunde des stationären Einzelhandels. Als solcher hat Limblog heute (mal wieder erfolglos) versucht, in Limburg Geld auszugeben. Auf der Suche nach einer weißen Leggings in Größe 128 und/oder 134 bekam Limblog in den Filialen zweier (inter)nationaler Modeketten in der Werner-Senger-Straße jeweils ein mitleidiges Lächeln und die fast gleichlautende Antwort: "Weiße Kinder-Leggings sind ein Frühjahrsprodukt, die kriegen Sie derzeit nirgendwo."

Zukunftsfähig wäre jedoch folgende Aussage gewesen (leider rein hypothetisch): "Die haben wir leider gerade nicht da, bestellen sie aber gerne bis morgen. Wollen Sie sie hier abholen oder sollen wir sie nach Hause liefern lassen?"

Das "Frühjahrsprodukt", das man "derzeit nirgendwo" kriegen kann, liefert Amazon an Primekunden übrigens garantiert innerhalb von einem Tag.

Das Ende des stationären Einzelhandels ist nah. Und es ist verdient.

Die Fußgängerzone aus den 1970er Jahren: mehr Vergangenheit als Zukunft?